29.04.2008, Breiter Protest gegen die Beteiligung der Lübecker Stadtwerke am Steinkohlekraftwerk Lünen
29.4.2008
Rede von Karl-Martin Hentschel,
Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen,
zur Protestversammlung gegen die Kohlepolitik der Lübecker Stadtwerke:
Die fünf Lügen der Kohlebefürworter
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
der Kohleinvestitionswahn geht um.
Er wird betrieben von den vier großen Energiekonzernen und die Stadtwerke wie hier in Lübeck - glauben, sie dürfen da nicht nachstehen.
Mit fünf Lügen versucht man uns die Notwendigkeit von Kohleenergie zu vermitteln.
Erste Lüge: Wenn man alle Atomkraftwerke abschaltet und keine Kohlekraftwerke baut, dann geht das Licht aus.
Dieses Argument ist falsch: Es gibt dazu unzählige wissenschaftliche Studien. Und sie kommen alle zu dem gleichen Ergebnis, egal wer sie finanziert hat:
Wind-, Wasser- und Sonnenenergien reichen aus, um Europa vollständig mit Energie zu versorgen. Und nicht nur einmal. Allein Wind- und Sonnenenergie reichen aus, um Europa zehnmal, ja sogar hundertmal Europa zu versorgen.
Deshalb meine Damen und Herren das Argument ist widerlegt und wird auch durch Wiederholung nicht besser. Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen.
Die zweite Lüge lautet: Natürlich, sagen sie die regenerativen Energien sind toll und müssen gefördert werden. Aber für die Übergangszeit braucht man eben noch Kohlekraftwerke. Und da muss man eben ein paar bauen.
Das klingt doch irgendwie logisch - aber auch diese Logik stimmt nicht. Denn das Geld kann nur einmal ausgegeben werden.
Wenn ich regenerative Energien will, dann muss ich jetzt in Wind- und Solarkraftwerke investieren.
Jeder Euro, der in neue Kohlekraftwerke investiert wird, der fehlt beim Bau von Windkraftanlagen, von Solaranlagen und von Kraft-Wärmekopplungsanlagen.
Dann aber meine Damen und Herren, kommt die dritte Lüge der Konzerne: Selbst wenn es alles geht - das wird doch viel zu teuer!
Ja das habe ich bis zum letzten Herbst auch gedacht. Aber auch das Argument ist falsch.
Wir hatten im Herbst ein Experten-Forum im Landtag in Kiel und die haben uns vorgerechnet: Die komplette Versorgung mit regenerativen Energien in 30 Jahren wird nicht teurer als heute.
Das Gegenteil ist der Fall! Kohle, Öl und Gas werden immer knapper und immer teuerer. Wind-, Sonne und Wasser werden immer billiger, je besser die Technologien sind.
Wer heute auf Kohle setzt, der zerstört nicht nur unser Klima: der sorgt auch dafür, dass der Strom immer teuerer wird. Wer heute aber auf Wind und Sonne setzt, der sorgt dafür, dass die Stromversorgung für den Bürger bezahlbar bleibt.
Die Vierte Lüge lautet: Kohle und Atom sichern Arbeitsplätze.
Nichts ist so falsch wie das. Das Geld für Öl, Kohle und Atom fließt an die Lieferanten im Ausland.
Wenn wir auf regenerative Energien setzen, wenn wir auf Energiesparen setzen, dann schaffen wir Arbeitsplätze in Schleswig-Holstein, dann bleibt unser Geld hier.
Schon heute stellen die erneuerbaren Energien zehnmal soviel Arbeitsplätze in Schleswig-Holstein wie die Kohle- und Atomkraftwerke.
Die Energiewende erfordert Milliardeninvestitionen. Die Energiewende ist eine Jobmaschine für die nächsten 50 Jahre.
Deshalb demonstrieren wir heute nicht nur für eine saubere Luft ohne CO2, wir demonstrieren auch für die Energieversorgung und die Arbeitsplätze der Zukunft.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
die fünfte Lüge der Kohlefans lautet: Regenerative Energien reichen nicht aus. Die Windkraftwerke laufen nur, wenn der Wind weht, und die Sonnenkraftwerke laufen nur, wenn die Sonne scheint.
Auch das ist falsch. Moderne Solarkraftwerke mit Parabolspiegeln, wie sie gerade in Spanien gebaut werden, heizen Öl-Tanks auf 400 Grad auf, leiten da Wasser durch und treiben so Turbinen an. Sie laufen Tag- und Nacht sogar wenn es mal mehrere Tage bewölkt ist.
Und Wind Wind weht immer in Europa, nur nicht immer überall.
Was wir deshalb dringend brauchen, ist der Ausbau der Netze. Wir brauchen einen europäischen Verbund mit vielen tausend Windkraftwerken an den Küsten, mit Sonnenkraftwerken in Südeuropa und Nordafrika, mit Wasserkraftwerken in Nordeuropa, den Alpen und anderen Gebirgen, mit Biomasse aus Reststoffen und mit Kraftwärmekopplungsanlagen in den Städten.
Um dieses Netz auszusteuern brauchen wir ein starkes Netz, um die Energie immer dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird. Deshalb ist der Ausbau des Netzes die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre, und nicht die Investition in Kohle.
Aber das Netz gehört den großen Energiekonzernen. Die wollen keinen Wettbewerb.
Sie haben keine Angst, dass das Licht ausgeht.
Sie haben Angst, dass sie ihre Monopolstellung verlieren.
Sie haben Angst, dass Tausende von dezentralen Produzenten Strom aus Wind- und Solaranlagen in das Netz einspeisen.
Und die Stadtwerke und die Politiker, die hier in Lübeck Entscheidungen treffen, lassen sich ins Boxhorn jagen und glauben ihren Lügen.
Wir stehen hier, um gigantische Fehlentscheidungen zu verhindern, die die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt anschließend bezahlen müssen.
Deswegen ist es gut, dass heute demonstriert wird. Machen Sie den Verantwortlichen Dampf.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
der Kampf um das Klima ist ein Kampf um die Zukunft unseres Planeten. Wir sind es den nachfolgenden Generationen schuldig, dass wir ihn gewinnen. Es geht um Milliarden Investitionen. Es ist ein Kampf gegen die größten Konzerne der Welt.
Aber es ist auch ein Kampf gegen die Unvernunft von lokalen Politikern wie hier in Lübeck, die sich eine Zukunft ohne Kohle und Atom noch nicht vorstellen können.
Wir haben es auch mit einer Propagandamaschine zu tun. Sie wird betrieben von den größte Konzernen der Welt: den Mineralölkonzernen, den Stromkonzerne, gegen die Autokonzerne sie aller wollen weiter machen wie bisher, weil es sich so gut gelohnt hat.
Deshalb müssen wir ein großes Bündnis bilden eine weltweite Allianz für das Klima, eine Allianz für die Zukunft.
Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Aller guten Argumente sind auf unserer Seite. Noch vor wenigen Jahren konnte man pessimistisch sein.
Jetzt wird bereits weltweit über die Veränderung des Klimas geredet. Es wird dringend Zeit, dass wir daraus Konsequenzen ziehen.
Deswegen bin ich sicher: Wir werden diesen Kampf gewinnen!
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Protestaktion von GREENPEACE, Kreisverband und Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD-Fraktion, BUND, Energietisch Lübeck und dem Energiestammtisch im Bund der Energieverbraucher gegen die Investition in Steinkohlekraftwerke



















