04.10.2020

40 Jahre Grüne Lübeck & Interview mit einem Gründungsmitglied

Interview mit Gründungsmitglied Günter Wosnitza

Anlässlich des 40. Jubiläums der Lübecker Grünen führte der Kreisvorsitzende Jasper Balke ein Interview mit Günter Wosnitza, der 1980 die Grünen in Lübeck mitgegründet hat.
Die folgenden (gekürzten) Ausführungen stammen aus diesem Interview und sind somit subjektive Wahrnehmungen und Beschreibungen. Redaktionelle Nachträge werden in eckigen Klammern eingefügt.

Günter: Der Anlass, darüber nachzudenken, eine neue Partei mit dem Schwerpunkt Umwelt zu gründen, lag in der Historie der schlechten Erfahrung mit den etablierten Parteien. Viele hatten das Gefühl, dass bei vielen Anliegen, die von den verschiedensten Gruppen aufkamen, nur Versprechungen gemacht wurden, die nach der Wahl nie eingehalten wurden. Deshalb entstanden bundesweit viele Bürger*inneninitiativen, und dann kam auch der Gedanke auf: es fehlt der Umweltschutz, da war gar kein Bewusstsein vorhanden. Es gab damals z.B. auch kein Umweltamt in Lübeck, das war nur eine kleine Abteilung im Ordnungsamt.

Jasper: Wie ist daraus dann eine Partei entstanden?

Günter: Im Hinblick auf die anstehende Europawahl (1979) war dann die Überlegung, dass wir versuchen müssen, eine Partei zu gründen, denn nur die kann antreten. Zunächst hieß das dann SPV - Sonstige Politische Vereinigung "Die Grünen". Da sammelten sich Leute, die Mitglieder werden wollten, es wurde ein Programm entwickelt und auch eine Satzung. Auf Bundesversammlungen wurde dies diskutiert und in den verschiedenen Entwürfen abgestimmt. Das waren also richtungsweisende Entscheidungen mit riesigen Versammlungen, denn da ging es dann auch drum, in welche Richtung sich diese SPV entwickeln sollte.

Jasper: Da gab es ja bestimmt auch viele unterschiedliche Vorstellungen...

Günter: Ja, das war schon schwierig, es gab Richtungsauseinandersetzungen, da musste man auch vorsichtig sein. Es gab auch hier Leute, die wollten etwas ganz anderes, die hatten rechte Vorstellungen und wollten diese einbringen. Auch regional gab es viele Unterschiede, die Landesverbände waren verschieden geprägt und haben sich sehr unterschieden. Zur Europawahl sind wir dann angetreten, das war auch gar nicht so schlecht [Ergebnis: 3,2 %]. Danach kam dann die Bundestagswahl, da haben wir natürlich auch mitgemacht, aber...das waren vielleicht 1,1 % (lacht) ...aber immerhin! [tatsächliches Ergebnis: 1,5 %].

Jasper: Und wie wurde diese neue Vereinigung angenommen?

Günter: Es gab dann natürlich einen Bundesvorstand, und der wurde überhaupt nicht ernst genommen (lacht). Die wurden belächelt! Wir haben ja auch gar nichts gehabt [finanziell], und wenn es bundesweite Veranstaltungen gab, dann hat man geguckt, dass man irgendwo in einer WG mit dem Schlafsack auf dem Boden schlafen konnte...(lacht). Das muss man ja schließlich auch alles finanzieren...

Jasper: Und wie lief es dann hier in Lübeck ab?

Günter: Die Partei war dann [Anfang 1980] ja gegründet, und hier wollte die niemand haben. Als Gründungsmitglied habe ich den Kontakt zum Bundesvorstand ganz intensiv gehalten, da wir diese Unterstützung ja brauchten. Hier in Lübeck war das Thema Deponie Schönberg [mehr Informationen zum Hintergrund z.B. unter: www.svz.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/die-fast-vergessene-skandal-deponie-id12631511.html] ganz präsent und deshalb haben wir den Bundesvorstand hergeholt, da war es sehr schwierig, überhaupt einen Raum zu bekommen. Nach dem Gespräch wurde dann ein Beschluss gegen die Deponie gefasst, dann konnten wir damit an die Presse, da wollte man aber gar nichts hören, von so einem unbedeutenden Bundesvorstand. Im nächsten Schritt tagte dann der Bundeshauptausschuss hier und dann sind wir auch aktiver geworden. Die Bürger*inneninitiative gegen die Deponie zählte viele Mitglieder und wir dachten uns, wir machen eine Aktion, eine Demonstration. Es gab ja diesen Transitweg, hier in Schlutup, da war ein Grenzübergang. Wenn wir den blockiert haben, mussten die Müll-LKWs natürlich stehenbleiben. Pressemäßig war das gut, mit unseren Transparenten...Politisch hat das natürlich einen riesigen Aufstand gegeben...Wir haben zum Beispiel auch eine Aktion gemacht, bei der wir Totenköpfe und die Aufschrift "Seveso-Gift" auf alte Ölfässer gemalt haben und diese vor der Presse mit dem Bundesvorstand über eine Grenzsäule gestülpt haben.
Die bittere Wahrheit ist allerdings, dass die Beschlüsse der Grünen, dass alles getan werden soll, um die Deponie zu schließen, nie eingehalten wurden. Als es um Regierungsbeteiligung und mögliche Posten ging, wurde auf die Beschlüsse leider nicht mehr bestanden.

Jasper: Welche Themen waren außerdem bei den Lübecker Grünen präsent?

Günter: Wie auch bundesweit, war auch hier das Thema Atommüll ein großes Anliegen. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass kein Atommüll über den Lübecker Hafen verschifft werden darf.

Jasper: Wie lief denn eigentlich der Einzug in die Bürgerschaft?

Günter: Die Leute, aus denen die Lübecker Grünen damals bestanden, waren gut geschult, da sich die Mitglieder aus verschiedenen Gruppen, Initiativen und Bewegungen zusammensetzten. Wir waren also gut aufgestellt und sind beim zweiten Antritt 1986 mit 4 Leuten in die Bürgerschaft eingezogen. Da herrschte dann natürlich große Sprachlosigkeit.
Wir sind natürlich total aufgefallen, alle anderen saßen dort in Anzug mit Schlips, und wir, viel jünger, und so gekleidet, wie wir wollten. Wir haben von Anfang an Ablehnung erfahren, wir haben z.B. nach unserer Wahl keinen Raum bekommen! Unsere Besprechungen haben wir auf dem Flur oder auf der Straße abgehalten...Die Sitzungen wirkten auch immer abgesprochen, waren total kurz und es war alles anders, als wir uns das vorgestellt hatten; wir dachten, uns würden politische Diskussionen erwarten.   
Wir mussten uns auch erst daran gewöhnen, dort in der Bürgerschaft vor den "hohen Herren", es waren quasi 99 % Männer, zu sprechen. Schließlich muss man sich in der Bürgerschaft mit allen kommunalpolitischen Themen befassen und dann ist die Frage: Woher bekommt man die Informationen? In der Anfangsphase wurde dann ein Magazin gegründet, die Fachzeitschrift für Alternative Kommunalpolitik. Das war eine gute Sache, da konnten wir uns über Themen wie Abfallbeseitigung, Kulturpolitik, alles mögliche, informieren.

Jasper: Wie liefen eure Sitzungen ab?

Günter: Unsere Sitzungen waren immer öffentlich. Zur damaligen Zeit fanden Ausschusssitzungen immer nicht-öffentlich statt. Irgendwann wurde das geändert und für die anderen Parteien hat das viel geändert. Bei uns war es schon immer so, dass wir keine Geheimnisse hatten. Wir wollten in der Sache weiterkommen und es konnte jeder zuhören.

Wir bedanken uns sehr für das Interview.   

URL:http://www.gruene-luebeck.de/newssingle/article/40_jahre_gruene_luebeck_interview_mit_einem_gruendungsmitglied/