Das Ende der ÖPNV-Monarchien

26.10.18 von Friederike Grabitz

Fast drei Stunden fährt Victoria Sträussler mit Zug und Bus zu ihrer Hamburger Arbeitsstelle, jeden Tag. Dafür zahlt sie im Monat 274 Euro. Sie ist frustriert. „Ich bezahle unfassbar viel Geld und verbringe wertvolle Lebenszeit in Zügen, die oft viel zu voll sind“.Sträusser setzt sich für einen Beitritt Lübecks in den Hamburger Verkehrsverbund (HVV) ein, der die Verbindungen zwischen den beiden Städten einfacher, günstiger und besser machen kann. Sie war eine von rund zwanzig Gästen, die vergangenen Donnerstag, am 25. Oktober, bei der öffentlichen Fraktionssitzung der Lübecker Grünen mit der Grünen Landesfraktionsvorsitzenden Eka von Kalben, Wirtschaftssenator Sven Schindler und Hans-Uwe Kolle vom Verein „Pro Bahn“ über den HVV-Beitritt Lübecks diskutierten.

Die Lübecker Bürgerschaft möchte den Beitritt seit Jahren. Vor allem für Hamburg-Pendler könnte er eine deutliche finanzielle Entlastung bedeuten und den Tarifdschungel zwischen Nah.SH und HVV entzerren, wenn die Pendlerin Sträussler in einem einzigen Tarifsystem von Tür zu Tür käme. Doch im März kam die kalte Dusche aus Kiel: Einen HVV-Beitritt wird es nicht geben, hieß es aus dem Verkehrsministerium. Eka von Kalben verteidigte die Entscheidung, die sie in der Regierung mitgetragen hat: „Wir müssen das ganze Land im Blick haben“, sagte sie. „Wir sind dagegen, das Tarifgebiet HVV zu erweitern, weil wir befürchten, dass der Norden dann abgehängt wird. Beispielsweise könnte den Hamburgern der Bustakt in Hamburg-Grindelsdorf wichtiger sein als die Busverbindung zwischen Stockelsdorf und Lübeck-Zentrum“. Die Landesregierung schlägt stattdessen vor, einen neuen Tarifverbund Nord und ergänzend ein Jobticket für Pendler zu schaffen.

Sven Schindler hätte lieber den HVV-Tarif für Lübeck, fände aber ein größeres Tarifsystem ebenfalls wichtig: „Nach Flensburg, also an die Nordsee, kann man in unserem Tarifgebiet fahren, aber in viele Ostsee-Ort nicht, obwohl sie viel näher liegen“. Eka van Kalben liegt viel daran, Busverbindungen auf dem Land auszubauen und günstiger zu machen, „gerade für Menschen, die darauf angewiesen sind, wie Schüler oder alte Menschen“. Ob die Busse im Fall eines HVV-Beitritts in einen gemeinsamen Tarif aufgenommen werden sollten, wurde kontrovers diskutiert.

„Zwei verschiedene Tarife einzuführen, fände ich nicht optimal“, sagte Hans-Uwe Kolle, dessen Verein „Pro Bahn“ einen HVV-Beitritt kritisch sieht. Fünf Millionen Euro müssten Land und Stadt für den Beitritt jährlich aufbringen. Im Podium gab es deshalb den Einwand, dass die Buspreise im HVV-Verbund steigen könnten. Margret Wulf-Wichmann vom Seniorenbeirat setzte sich dafür ein, das Geld eher für den Ausbau und die Modernisierung des ÖPNV in der Stadt einzusetzen und erst im zweiten Schritt etwas für die Pendler zu tun. „Das Problem ist doch, dass die Kosten für den Stadtverkehr Lübeck gedeckelt sind“, sagte sie. „Wir brauchen ein Verkehrsleitbild“.

Stadtverkehr, Nah SH und HVV seien wie Fürstentümer, von denen jedes versucht, seine Interessen zu verteidigen, sagte Jürgen Specht, ein Besucher der Fraktionssitzung. Dabei sind sie an vielen Stellen voneinander abhängig. Beispielsweise können zwischen Lübeck und Hamburg nicht einfach mehr Züge eingesetzt werden, weil der Hamburger Bahnhof zu klein ist, und falls die Fehmarnbelt-Querung gebaut wird, bringt sie deutlich mehr Güterverkehr in die ganze Region. „Ob Pendler mit dem Auto fahren oder mit dem Zug, hängt davon ab, was sich für sie rechnet“, sagte Thorsten Fürter. Ob ein Verbundtarif am Ende HVV oder Nordtarif heißt: „das Ziel ist ja, dass möglichst Viele vom Auto auf die Öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen“.

Kategorie

Fraktion Verkehr und Mobilität