Seit der Projektbekanntgabe 2018 steht die Erweiterung des Lehmannkais in der Kritik. Bürgerinitiativen und Anwohner befürchten zusätzliche Lärm-, Verkehrs- und Umweltbelastungen sowie die Entwertung des historischen Gothmund. Neue Pläne zur Verkehrsanbindung bedeuten, dass der gesamte Schwerlastverkehr mitten durch Wohngebiete in Dänischburg geleitet werden soll. Und angesichts der Wachstumsprognosen und aktuellen Auslastung erscheinen weitere Hafenflächen als überflüssig. Die Grüne Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft sieht das Vorhaben als verfehlt und nicht mehr zeitgemäß an und fordert eine Neubewertung unter Berücksichtigung aktueller ökonomischer und ökologischer Gesichtspunkte. Entsetzt sind die Grünen darüber, dass die Verwaltung weiterhin und bewusst auf Grundlage veralteter Prognosen und überholter Daten agiert, die längst nicht mehr den aktuellen wirtschaftlichen und ökologischen Realitäten entsprechen.
Stephan Wisotzki, baupolitischer Sprecher der Grünen Fraktion erklärt dazu:

„Die Verwaltung hat im letzten Bauausschuss bekannt gegeben, dass eine Erweiterung des Lehmannkais nur von Westen erschlossen werden könnte. Das heißt, der gesamte Schwerlastverkehr der neuen Hafenterminals würde entlang der Wohngebiete an der Dänischburger Landstraße zur Autobahn geführt, eine aus unserer Sicht unverantwortliche Belastung für einen Stadtteil, der ohnehin schon durch Schwerlastverkehre belastet ist.
Auch aus ökologischer Sicht ist das Vorhaben gravierend. Die geplante Erweiterung würde unnötig wertvolle Uferflächen versiegeln und das direkt gegenüber dem idyllischen Gothmund. Das würde die Lebensqualität dieses historischen Fischerdorfes mindern und auch den touristischen Wert des Gebiets erheblich beeinträchtigen. Wir finden es unverständlich, dass die Verwaltung ein solches Projekt trotz dieser absehbaren Folgen für die Umgebung als ‘zwingend erforderlich’ einstuft.”
Dr. Axel Flasbarth, Co-Fraktionsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG) ergänzt:

„Wir lehnen die Erweiterung des Lehmannkais auch deshalb entschieden ab, weil sie neben diesen erheblichen Folgen für die Anlieger*innen schlicht nicht mehr notwendig ist und wirtschaftlich negative Folgen für die Hansestadt haben wird. Zusätzliche Hafenflächen werden in Lübeck auf absehbare Zeit nicht benötigt. Schon jetzt haben wir in allen sogenannten Mittelhäfen – Seelandkai, Schlutupkai und der bestehende Lehmannkai – enorme Potentiale, die Umschlagskapazitäten durch Investitionen in IT-Systeme, Technik und zusätzliches Personal zu erhöhen. Auch durch eine Kooperation und verbesserte Zusammenarbeit der Hafenbetreiber dort lassen sich nennenswerte Synergien realisieren und Kapazitäten steigern.
Aber Investitionen für zusätzliche Kapazitäten in den bestehenden Terminals sind absehbar gar nicht notwendig, denn selbst die mittel- und langfristigen Wachstumsraten für den Lübecker Hafen, auch vor dem Hintergrund der festen Fehmarnbeltquerung und bestätigt durch die neue Seeverkehrsprognose der Bundesregierung von Okt. 2024, sind sehr viel geringer als die zusätzlichen Umschlagspotentiale an den bestehenden Hafenterminals.
In dieser Situation noch neue Hafenflächen und -terminals zu errichten, wäre ökonomisch fatal. Eine Erweiterung würde lediglich zu noch mehr Überkapazitäten und einem ruinösen Preiswettbewerb führen – und am Ende müssten vor allem die Arbeitnehmer*innen der Lübecker Hafenbetriebe und die Stadt – also wir Lübecker*innen – als Eigentümer*innen der LHG die Folgen tragen.
Das Projekt Lehmannkai 1+ ist zudem auch geografisch wenig sinnvoll. Die Erweiterung des Lehmannkais läge von der Ostsee aus gesehen hinter dem Herrentunnel in einem Teil der Trave, der nur noch geringen Tiefgang aufweist. Für ein zukunftsfähiges Hafengeschäft wären hier absehbar teure und ökologisch schädliche Vertiefungen notwendig, die durch den Herrentunnel begrenzt und aufwendig wären und die die Allgemeinheit zu finanzieren hätte.”
Dinerzad Bauer, wirtschaftspolitische Sprecherin, ergänzt:

„Trotz neuer Informationen wie der hochproblematischen Verkehrsanbindung oder deutlich reduzierten Umschlagsprognosen hält die Verwaltung weiterhin an ihrer Einschätzung fest, die Erweiterung sei ‚zwingend erforderlich’. Es ist für uns in keiner Weise nachvollziehbar, dass die Verwaltung weiterhin auf Prognosen setzt, die acht bis zehn Jahre alt sind, obwohl im Rahmen der Seeverkehrsprognose aus Oktober 2024 längst neue und deutlich nach unten korrigierte Zahlen vorliegen. Auch können wir nur den Kopf schütteln über die Behauptung der Verwaltung, es gebe noch zusätzliche Potenziale für eine Erweiterung des Lehmannkais durch die Verlagerung von Ladungsmengen aus den Stadthäfen. Diese Behauptung ist schlicht falsch, da der Prozess der Umschlagsverlagerung längst abgeschlossen ist. Nennenswerte Ladungsmengen, die noch flussabwärts verlagert werden könnten, sind dort nicht mehr vorhanden.
Eine Verwaltung, die bei wichtigen Infrastrukturprojekten trotz veralteter Fakten festhält, sollte ihre Entscheidungen im Sinne der Verantwortung und Zukunftsfähigkeit dringend überprüfen. Hier drohen erheblich negative Auswirkungen für Anlieger*innen, hohe Folgekosten für die öffentliche Hand und fatale Risiken für die Hafenwirtschaft in dieser Stadt. Wir stellen jetzt die Weichen für die Zukunft. Wenn wir dabei stur an veralteten Annahmen festhalten, obwohl sich die Welt verändert hat, gefährden wir langfristig die wirtschaftliche Stabilität Lübecks.
Wir fordern die Verwaltungsführung daher auf, das Projekt mit einem sachlichen Blick und unter Berücksichtigung sämtlicher aktueller Informationen und Entwicklungen neu zu bewerten und alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um die hier absehbaren Schäden für die Hansestadt zu verhindern.”
